Metronomy-Sänger Joseph Mount: „Auf Tour gehen wird immer härter“

Die britische Band Metronomy ist mit einem neuen Album zurück. Sänger und Mastermind Joseph Mount über Kreativität, Coolness und Altern als Musiker:

Joseph, du machst seit bald 20 Jahren Musik, etwa alle zwei Jahre hast du ein Metronomy-Album rausgebracht. Wie schaffst du es, so kreativ zu bleiben?

Ich habe immer gesagt, ich mache so lange Musik, bis ich das Gefühl habe, nichts Neues mehr anbieten zu können. Und ich bin immer wieder selbst überrascht, dass da noch etwas übrig ist in mir, dass es immer noch Dinge gibt, über die ich schreiben will. Ich glaube, der Schlüssel ist, zu versuchen, es interessant zu halten. Etwa indem man bewusst seine Arbeitsweise ändert. Man muss es aufregend halten, ein bisschen wie in einer Ehe.

Hast du denn bei diesem Album etwas anders gemacht als sonst?

Ursprünglich hatte ich das Ziel, etwas sehr Poppiges, Kommerzielleres zu machen, das sich den Leuten unmittelbar erschließt. Mit dem Ergebnis war ich aber total unzufrieden, es fühlte sich ein bisschen fake an. Also hab ich wieder von vorne angefangen und einfach das gemacht, worauf ich Lust hatte. Und: Seit Jahren habe ich nichts hervorgebracht, was so unverfälscht ist. Ich glaube, wenn man so lange in der Musikbranche arbeitet, wird man ein bisschen institutionalisiert. Man glaubt, man macht sein Ding, aber unbewusst fängt man an, aus der Perspektive der Musikindustrie zu denken. Dadurch konzentriert man sich nicht mehr auf das Wesentliche.

Ende der Nullerjahre, als ihr berühmt wurdet, war Indie extrem angesagt. Heutzutage hören die Kids überwiegend Hip-Hop. Merkt ihr das an eurem Publikum? Altern eure Fans mit euch?

Genauso wie ich aufhören würde Musik zu machen, wenn ich keine Ideen mehr habe, würde ich aufhören, wenn ich ins Publikum schaue und nur alte Leute entdecke. Klar gibt es die, die seit Jahren unsere Fans sind und quasi mit uns erwachsen wurden. Aber ich bin sehr glücklich, dass sich immer noch jüngere Leute für uns interessieren, dadurch habe ich das Gefühl, wir sind relevant. Denn wenn junge Leute deine Musik mögen, bist du cool. Wenn sie deine Musik nicht mögen, bist du uncool. Das ist einfach Fakt.

Beim Musikvideo zu eurer neuen Single „Lately“ hast du erstmals selbst Regie geführt. Brauchtest du eine neue Herausforderung?

Früher in der Schule habe ich so was schon mal gemacht, da sollten wir Werbespots produzieren, und das habe ich geliebt. Aber dann hab ich mich eben für die Musik entschieden. Als wir mit Metronomy anfingen, Musikvideos zu drehen, war ich viel von Filmleuten umgeben, da habe ich einiges gelernt. Nur fehlte mir bis vor Kurzem das Selbstbewusstsein zu sagen: Klar, ich kann das auch.

Auf eurer Website schreibst du, du hast eine klare Meinung, wozu Musikvideos im Jahr 2019 noch gut sind und wie sie präsentiert werden sollten. Nämlich?

Ich bin der Meinung, Musikvideos sind dazu da, den Leuten zu zeigen, wie eine Band oder ein Künstler aussieht, und deren Persönlichkeiten zu präsentieren. Das war doch auch der ursprüngliche Sinn. Durch MTV wurden die Leute damals etwas kreativer, was cool war, weil es trotzdem noch um die Band ging. Aber durch Youtube wurden Musikvideos ziemlich arty. Man sieht kaum noch etwas von den Musikern, und die Songs wirken eher wie ein begleitender Soundtrack. Da-rum finde ich, dass man endlich wieder solche Old-Fashioned-Musikvideos machen sollte, wo man die Band sieht und sieht, wie sie lachen oder herumalbern. Das ist doch auch das, was die Leute in den sozialen Medien lieben: Gesichter.

Live trittst du zwar mit Band auf, aber alle Songs von Metronomy schreibst und produzierst du alleine. Ist es nicht als Einzelperson auf Dauer viel schwerer, gute Songs zu schreiben?

Ich weiß es nicht. Ich bin ja daran gewöhnt, weil ich das schon so lange mache. Aber es stimmt, du hast da keinen, der dir sagt, wenn etwas gut oder schlecht ist. Trotzdem glaube ich nicht, dass ich es deswegen schwerer habe oder langsamer bin. Diese Isoliertheit ist es vielleicht auch, die meine Musik so speziell macht. Grundsätzlich mache ich aber total gern zusammen mit anderen Leuten Musik.

Darum hast du jetzt nebenher auch andere musikalische Projekte?

In der Richtung mache ich jetzt mehr und mehr, denn auf Tour zu gehen wird ehrlich gesagt immer härter. Gerade habe ich vier Jahre lang mit Robyn an ihrem neuen Album gearbeitet. Das war das größte und zeitintensivste Projekt, das ich bisher in dieser Richtung gemacht habe.

Gab es eigentlich einen Plan B für dein Leben, falls es mit der Musik nicht geklappt hätte?

Ich hatte nie einen Plan B. Ich glaube, die meisten Musiker haben keinen, denn du brauchst dieses Commitment, du musst dich komplett auf diese eine Sache konzentrieren. Wenn die Musik dein Job werden soll, musst du dein Leben davon abhängig machen.

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Für die Titelstory haben wir mit Phil Harrison gesprochen. Er soll mit Stadia den Entertainment-Standard der Zukunft etablieren. Denn: Googles neue Milliardenwette heißt Cloud-Gaming. Weitere Themen: Konrad Bergströms Vision: umweltfreundliche Elektroboote. Der Schauspieler Tyron Ricketts möchte als Produzent das deutsche Fernsehen endlich von rassistischen Klischees befreien. Und: BMW ringt mit der autonomen Mobilität. JETZT AUSGABE SICHERN!


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